2. Etappe von Kleinliebenau nach Frankleben 

24. Juli 2016

Strahlender Sonnenschein begleitet uns auch heute. Wir starten 9 Uhr an der Kirche in Kleinliebenau und haben schon morgens eine leichte Ahnung davon, wie hochsommerlich heiß dieser Tag werden wird. Schnell ein Selfie zum Start und los geht es.

Ganz allein sind wir auf der Landstraße Richtung Dölkau, nur ein paar Landmaschinen überholen uns von Zeit zu Zeit. Die erste Stunde vergeht wie im Flug – Gedanken der ersten Etappe werden aufgegriffen und weiterentwickelt, der Gesprächsstoff geht uns nicht aus und so lassen wir Horburg unbemerkt rechts (oder vielleicht auch links?) liegen und nehmen erst in Dölkau unsere Umgebung wieder so richtig wahr. 

Doch das lohnt sich hier : wir stehen vor dem sich in Privatbesitz befindlichen Schloss Dölkau, ein wunderschönes klassizistisches Gebäude, das Graf Karl Ludwig August von Hohenthal zwischen 1804 bis 1806 mit großer Wahrscheinlichkeit von dem damals bedeutendsten Leipziger Architekten Johann Friedrich Dauthe entwerfen und bauen ließ. Sechsmal jährlich finden hier am Sonntag Nachmittag klassische Konzerte statt, die ich selbst schon genießen konnte und für die ich meine Schwester schnell begeistern kann.

Wir wandern weiter nach Zweimen und bewundern an einer Hausmauer ein Bild eines Pilgers mit Esel.


 Zumindest kleiderordnungstechnisch haben wir ihm einiges voraus mit unseren luftigen Shirts und den dünnen Wanderhosen. Und das ist auch gut so, die Sonne brennt erbarmungslos vom Himmel und Schatten ist weit und breit nicht in Sicht.

Über eine frisch sanierte Brücke überqueren wir die Luppe und wandern nun über Wiesen und durch Wälder und folgen sicher den immer wieder auftauchendem Muschelzeichen.

Vorbei am Raßnitzer See erreichen wir den Wallendorfer See – Zeit für eine Müsliriegelpause. Beide Seen sind aus Tagebaurestlöchern entstanden und wurden von 1998 bis 2000 geflutet. Doch im Gegensatz zu den Seen südlich von Leipzig ist es hier am Strand noch sehr ruhig. So genießen wir unter einem Baum die schattige Pause, bevor es entlang der B 181 nach Merseburg geht.


Die Strecke ist nicht wirklich schön und zieht sich wie Kaugummi. Wir sprechen es nicht laut aus, wie nervtötend wir beide dieses Teilstück finden. Doch sind wir beide mehr als erleichtert, als wir in einem kleinen Stadtpark abbiegend einen ersten Blick auf den Merseburger Dom erhaschen.


Und der ist eindrucksvoll. Wir erreichen das wunderschöne Ensemble von Schloss und Dom und atmen in der Kühle des Eingangsbereichs auf. Der Merseburger Dom zählt zu den herausragenden Baudenkmälern der „Straße der Romanik“ und ein weiteres mal sind wir überrascht, welche Schätze wir in unserer Umgebung noch nicht kennen. Die berühmten Merseburger Zaubersprüche und der Domschatz sind im Rahmen einer Ausstellung zu besichtigen und so verstehen wir auch die 6,50 Euro, die hier an Eintritt in den Dom zu zahlen sind. Das gilt allerdings nicht für uns, denn wir sind Pilger und bekommen einen Stempel in unseren Credential, freien Eintritt und eine kurze Erläuterung zum Dom. Nach der Besichtigung zünden wir Kerzen an für all die Lieben, denen wir gedenken 


und schauen danach im Schloßpark beim Merserburger Raben vorbei. Der Legende nach trug es sich im 15. Jahrhundert zu, dass der Bischof Thilo von Trotha seinen Siegelring vermisste, daraufhin seinen Diener des Diebstahls bezichtigte und diesen hinrichten ließ. Doch wenige Jahre später fand man bei Dachausbesserungsarbeiten den Siegelring in einem Rabennest. Erschrocken über sein vorschnelles Urteil ließ der Bischof einen Vogelkäfig bauen und seitdem büßen Generationen von Raben für das Vergehen ihres Urahns.

Heute allerdings in einer großen Voliere, die mehr Bewegungsraum zulässt und nun auch als Raben-Duo.

Auf der Aussichtsterasse des angrenzenden Café Ben zi bena stärken wir uns bei Kaffee und Kuchen für die noch vor uns liegenden Kilometer und wandern guten Mutes weiter – das Ende der Etappe scheint nah.

Durch den Stadtpark hindurch führt uns der Weg zu einer Brücke über den Gotthardteich und läßt uns stoppen. „Wegen Baufälligkeit gesperrt“ informiert uns ein Warnschild. Kurz beraten wir uns und … überklettern den Bauzaun, vorsichtig bewegen wir uns über die Bohlen der Brücke, ganz geheuer ist es uns dann noch nicht und so gibt es nur schnell ein Selfie von uns beiden und wir verlassen umgehend den Ort des Geschehens.

Wunderschön ist nun der Weg am Ufer des Geiselbaches. Wir setzen unsere Wanderung durch die „grüne Lunge“ Merseburgs fort und bewundern die Tiere in dem kleinen Tierpark, den wir durchstreifen. 

Dem Wanderführer folgend durchqueren wir einsames Marschland, laufen an einem Technikmuseum vorbei und … haben uns verlaufen. Irgendwo unterwegs ist uns der Muschelwegweiser abhanden gekommen und mein GPS zeigt an, dass wir uns nicht unerheblich vom Weg entfernt haben. Nun ist guter Rat teuer. Wir sind erschöpft, unsere Wasservorräte gehen dem Ende entgegen, es ist spät und wir wollen eigentlich nur noch ankommen. Doch ehrgeizig sind wir beide, entscheiden gemeinsam, nicht einfach nur der Hauptstraße zu unserem Ziel zu folgen, sondern den Anschluss an den Jakobsweg zu finden. Das gelingt uns auch und lachend nehmen wir zur Kenntnis, dass der mit Betonplatten versiegelte Wirtschaftsweg parallel zur Hauptstraße verläuft. Aber: nur hier gibt es die Muschelsymbole.

Wir klatschen uns fröhlich ab, als wir das Ortseingangsschild Frankleben erreichen und freuen uns, schon die Dorfkirche entdeckt zu haben. Wunderschön ist sie mit ihrem verputzten Bruchsteinbau. Doch dann wird unsere Ankunftsfreude jäh zerstört : die Dorfkirche St. Martini steht in der kleinen Ortschaft Reipisch, die zur Gemeinde Frankleben gehört …

Noch immer ist also kein Ende unserer schweißtreibenden Wanderung in Sicht, endlos lang kommt uns der Feldweg vor, dem wir nun folgen. Im nächsten Ort angekommen fragen wir vorsichtshalber Passanten, ob wir nun auch wirklich in Frankleben sind und wo sich denn hier die Kirche befindet. Doch nun ist alles richtig und glücklich erreichen wir heute nach 30 Kilometern, 7 Wanderstunden und 34 Grad im Schatten unser Etappenziel – erschöpft, aber glücklich und schon in Vorfreude auf die nächste, die hier am Geiseltalsee beginnen wird …

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