Mein Camino

Auf den Steinen vor der Kathedrale Portos sitzend, erinnere ich mich an die hinter mir liegenden Tage – fühle Glück und Trauer, Stolz und Demut. Die Sonne scheint mir ins Gesicht und ich denke darüber nach , was der Camino für mich bedeutet. 

Am 16 Mai 2016 setzte ich den ersten Schritt auf den Weg nach Santiago de Compostela und fühlte vom ersten gelben Pfeil an der Kathedrale in Porto die Mystik dieses Weges. 


Es sind vor allem die Begegnungen mit den Menschen, der ihn so einzigartig macht. Der intensive Austausch der Pilger aus den verschiedensten Ländern dieser Welt und der damit verbundene Frieden ist hier so leicht. Alle Nationen eint ein Ziel : Santiago de Compostela. 


Es sind Seelenverwandte, die ich auf dem Weg traf. Mit denen ich über meine innersten Wünsche, meine schönsten Träume und meine größten Ängste sprach. Wir teilten miteinander Freude und Leid, Sonne und Regen und manchmal auch nur ein Tape oder ein Pflaster.  

In zwölf Tagesetappen von Porto nach Santiago de Compostela habe ich alle Facetten meiner Gefühlswelt erlebt, habe mein Lachen gelacht und meine Tränen geweint. Aber der Camino lies mich dabei nie allein und führte mich sicher vorwärts, meinem Ziel entgegen   


Der Camino gab mir Anregungen, aber nahm mir die Antworten auf meine Fragen nicht ab. Ich lernte, wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden, mich auf mich selbst zu konzentrieren und auf meine innere Stimme zu hören. 


Er brachte mich an meine körperlichen und seelischen Grenzen , aber nie darüber hinaus. Schenkte mir glückliche Momente, Vertrauen in meine eigene Kraft und Stärke. 

Ich lernte, den Regen zu lieben und genoss die Sonnenstrahlen


Trotz aller Blasen und Schmerzen lief ich jeden Tag weiter, atmete tief und frei. 

Meine Schritte bestimmten den Rhythmus, das Klappern der Wanderstöcke war meine Meditation. Die Schönheit der Landschaften meine Kathedrale. 


Ich bin ganz sicher, Camino – ich kehre zurück zu dir. 

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Rückreise – Teil 2

Flughafen Frankfurt am Main – warten auf den Anschlussflug nach Leipzig. 
Die letzte Nacht im Hotel , das letzte Frühstück mit Baguette – nach zwanzig Nächten in fremden Betten (hört sich irgendwie zwielichtig an, wie ich finde ) freue ich mich jetzt doch auf mein eigenes Bett und den grünen Smoothie zum Frühstück. 
Nur den heutigen Blick mit der Tasse Kaffee in der Hand auf den Clerigo-Turm, den werde ich vermissen. 


Das letztemal den Rucksack gepackt und an der Rezeption deponiert, denn bis zum Abflug sind noch ein paar Stunden Zeit. 

Es zieht mich zur Kathedrale, in der ich meinen ersten Stempel in den Credencial erhielt und an die Stelle , an der ich die erste Markierung Richtung Santiago fand. 

Ich denke an all meine tollen Wegbegleiter , an Kopfsteinpflaster in Portugal, an wunderschöne Landschaften, an den tiefschwarzen Tag auf dem Weg nach Tui, an meinen Flow-Regentag, an das Glücksgefühl , auf dem Weg nach Finisterre das erstemal wieder das Meer am Horizont zu sehen. Ich kann all die vielen Emotionen gar nicht aufzählen, die mich auf dem Camino bewegt haben. 

Nicht alle Fragen, die ich mit auf den Weg genommen habe , konnte ich beantworten Erste Impulse sind gesetzt. Jetzt liegt es an mir, sie umzusetzen. 

In meine Gedanken an der Kathedrale mischt sich immer wieder das Gelächter eines Pfälzer Herrenausfluges. Erst stören sie mich, aber dann finde ich es doch ganz gut , nicht allzu sehr in die tiefsinnigsten Grübeleien abzutauchen. Der Camino war und ist vor allem Leben. 

Ein Franzose spricht mich an. Er hat die Muschel an meiner Halskette gesehen und will wissen, ob ich den camino gelaufen bin. Stolz bejahe ich es und geh lächelnd in die Stadt zurück. 

Porto ist einfach wirklich nur schön – bunt, offen , trubelig. 


Die Metrostation zum Flughafen liegt etwas entfernt, meine letzte kleine Wanderung. Die U Bahn fährt in dem Moment in den Bahnhof ein, als ich den Bahnsteig betrete. Langsam wird mir das unheimlich. 

Das Flugzeug aus Porto landet pünktlich in Frankfurt. Noch Zeit für einen letzten Wein und ein paar Gedanken, bevor ich zu Hause ankomme … 

Rückreise – Teil 1

Der Morgen dämmert noch , als ich heute aufstehe. 


Der Bus nach Santiago startet früh. Daher ist an Frühstück nicht zu denken. Ein paar Nüsse und ein Wasser später auf der Fahrt müssen es richten. Die Traube an Menschen wird immer größer und irgendwann ist klar , dass wir nicht alle in den Bus passen werden. Als dieser dann an der Station hält,setzt ein drängeln und schieben ein, als ginge es um das eigene Leben. , obwohl auch schnell klar wird  dass der Busfahrer bereits einen zweiten Bus geordet hat. Den großen Vorteil , den wir genießen, ist allerdings , dass wir ohne weiteren Halt nach Santiago fahren

Schneller als gedacht erreichen wir unser Ziel. Dort angekommen stürzen sich alle auf die Rucksäcke im Gepäckraum , als gäbe es kein Morgen mehr. Es sind fast alles Pilger und ich frage mich, wo ist die innere Ruhe geblieben. 

Auf dem Busbahnhof sehe ich von weitem Miguel, der sehr fokussiert scheint. Ich spreche ihn nicht an, unsere gemeinsame Zeit ist  vorbei. Vielleicht sehen wir uns in Boston wieder. 

Mir bleiben zwei Stunden bis zur Weiterfahrt nach Porto. Ich entscheide mich , die Zeit zu nutzen , um noch einmal in die Altstadt zur Kathedrale zu laufen. Es ist noch früh, die Sonne scheint, aber es ist kalt. Noch wenige Menschen sind auf den Straßen unterwegs. Auf dem Platz vor der Kathedrale gratuliert mir ein Mann zur Ankunft in Santiago. Ich widerspreche ihm nicht. 

Zielgerichtet gehe ich zu dem kleinen Café , in dem ich bereits einmal gefrühstückt habe, bestelle Kaffee und Churros. Gedankenverloren schaue ich aus dem Fenster und bin sicher , dass nun die „nächste “ Generation an Pilgern in der Stadt ist , von denen ich keinen mehr kennen werde. Doch schon lächelt mich von draußen ein bekanntes Gesicht an. Sabine , die mit dem Spanier Manuel auf dem Camino unterwegs war , verbringt ihre letzten Stunden vor Abflug noch hier. Manuel und sie waren auch in Finisterre und in Murxia und haben sich heute getrennt. Es ist schön, noch einmal ein bekanntes Gesicht zu sehen. Doch bald schon ist es Zeit für mich , zum Bus zu gehen und wir verabschieden uns. 

Ich laufe noch einmal über den Platz vor der Kathedrale. Die ersten Pilger sind angekommen , ich sehe das Glück und die Erschöpfung in ihren Augen und bin ganz bei ihnen. 


Pünktlich startet der Bus nach Porto. 

Es ist ein eigenartiges Gefühl so zwischen den Welten, eben noch Pilger – nun auf dem Weg zurück in den Alltag. Einen Teil der Orte, die ich durchwandert bin, streift auch der Bus. Ich bin schon ein wenig erstaunt, was ich tatsächlich an Kilometern gelaufen bin – die Strecke entspricht ungefähr der Entfernung zwischen Leipzig und Rostock. 

Nach gut vier Stunden erreichen wir Porto. Der Busbahnhof liegt etwas außerhalb des Zentrums. Ich beschließe, den Weg zu Fuß zu gehen. Knapp 4 Kilometer hören sich nach nichts an. In den nächsten Tagen werde ich hier wieder eine Relation finden müssen. 

Bald erreiche ich den Teil Portos, den ich schon kenne und fühle mich fast ein wenig heimisch. Im Hotel werde ich mit einem Glas Portwein begrüßt. Das ist sehr aufmerksam, doch ich habe außer den Churros zum Frühstück noch nichts gegessen und sollte eher vorsichtig sein. 

Lange hält es mich auch heute nicht im Zimmer und so spaziere ich los. Die Highlights habe ich schon zu Beginn meiner Reise absolviert und so kann ich mich treiben lassen. Natürlich lande ich wieder am Ufer des Flusses Duoro , höre den Straßenmusikern zu und trinke ein Glas Vino Verdhe auf das Leben.  



Mir ist eigenartig zumute , glücklich und stolz , traurig und leer. Von allen eine bunte Mischung und wohl auch ein wenig erschöpft. 

Einen weiten Bogen schlagend streife ich noch einmal die bekannten Orte und beschließe dann , zum Abendessen zu gehen. Von der Managerin des Studios von meinem ersten Aufenthalt habe ich noch eine Visitenkarte eines empfohlenen Restaurants in der Tasche. Das ist nah an meinem Hotel und ich mache mich auf den Weg. Und dann schlägt der Kreislauf hammerhart zu. Wenig gegessen und darauf den Wein, merke ich, wie mir schwindlig wird. Ich überlege kurz, was auf meinem Nothilfepass steht und ob die, die mich auf der Straße finden , mich ins Hotel bringen. Soweit kommt es Gottseidank nicht. Ich erreiche das Restaurant , bestelle erstmal Wasser und hoffe, dass schnell der Brotkorb serviert wird. Wird er auch und ich erhole mich bald darauf 

Der Kellner fragt nach dem camino und ich frage mich, wie fertig ich aussehen muss, wenn man mir das schon so ansieht. Immerhin sitze ich hier in offenen Schuhen , ach und ja natürlich in meinem camino de santiago Sweatshirt. Der Kellner gratuliert mir zu meiner Leistung und ich weiß gar nicht so recht wozu eigentlich  

 Das Essen ist gut,  am Nachbartisch sitzt ein australisches Ehepaar und wir kommen schnell ins Gespräch. Das funktioniert also auch ohne Camino.  

Ich spaziere den kurzen Weg zu meinem Hotel zurück , höre noch eine weile dem Straßenmusiker vor dem Eingang zu, bevor ich im Hotel verschwinde. 

Hier gibt es eine wunderbare Dachterasse mit Blick auf die Kathedrale. Ich hol mir eine Decke und einen Wein und schau zu dem Ort , wo alles begann … 

Finisterre – der perfekte Ruhetag 

Ein wunderbarer Sonnenaufgang weckt mich früh. 


Eigentlich viel zu früh, denn heute ist mein Ruhetag. So trödle ich lange und gehe gegen neun Uhr zum Frühstück. 

Kurze Zeit später kommen Jessica und Nadja dazu. Wir tauschen uns aus über die Erfahrungen auf dem Camino, die sich in vielen Details gleichen und wir sind uns einig , es war trotz aller Blasen und Schmerzen großartig. 

Viel später verlasse ich das Hotel auf der Suche nach dem perfekten Platz, um meinen gestrigen Bericht zu schreiben und finde ihn auf einer Mauer mit Blick auf das Meer. Lange sitze ich dort , schreibe , schaue , genieße und entspanne. 


Nichts tun macht hungrig und so setze ich mich in ein Café , esse eine Kleinigkeit und schaue mir die neu angekommenen Pilger an. 

In meinen offenen Schuhen , ohne Rucksack und Wanderstöcke bin ich heute nur noch eine Spaziergängerin und genieße das von ganzem Herzen. Ich lasse mich treiben und finde mich auf dem Weg zum Leuchtturm wieder. Die Sonne scheint mit voller Kraft und auf halben Weg bereue ich fast , nicht an den Strand gegangen zu sein. Doch jeder Moment entschädigt mich mit immer wieder neuen Ausblicken auf den Atlantik 


Am Leuchtturm angekommen, ist der Parkplatz komplett leer. Ich kann es kaum fassen , der Kilometerstein 0,0 gehört nur mit und ich genieße den Augenblick. 


Als wenig später der erste Bus angefahren kommt, finde ich das schon wieder amüsant. So schnell ändert sich das mit den Emotionen

Ich schlendre am Andenkengeschäft vorbei , kaufe mir eine Ansichtskarte. Verweile am Kreuz des Nordens während dort eine Pilgergruppe gemeinsam singt und spaziere wieder zurück in den Ort. 


Bei einem Kaffee checke ich meine Nachrichten und freu mich total. Laurie, die Reisebloggerin aus San Francisco hat mein Foto in den Posts von Miguel gesehen und direkt Kontakt mit mir aufgenommen. Sie fragt nach meinem Blog und gemeinsam überlegen wir , wie wir sinnvoll den deutschen Blog mit ihrer englischsprachigen Website verlinken. Eine Idee könnte sein, meinen post über unsere Bekanntschaft nach Caldas de Reis ins englische zu übersetzen – eine Herausforderung, aber lösbar. 

Am späten nachmittag ist in Finisterre immer Fischauktion. In der großen Halle gibt es eine Galerie , auf der sich Interessierte den Handel anschauen können. Das ist total spannend und der ausliegende Fisch zeigt, dass es wohl in den Restaurants im Ort allerfrischeste Ware gibt. 


So ein Bummeltag ist herrlich. Ich kaufe mir im Geschäft an der Ecke Wein , Brot und Chorizo und gehe in mein Hotel. 

Der Bus morgen fährt zeitig, so ist es ein kluger Plan , schon mal ein bisschen zu packen. Ich sortiere meine „Erinnerungstüte“ und freu mich , dass ich den Stadtplan von Porto noch behalten habe. Morgen werde ich ihn brauchen. 


Mit Wein und dick belegtem Brot kuschle ich mich in mein Bett, genieße die Aussicht, schreibe Nachrichten, schau  mir die Websites von Laurie und Elena an und genieße den wunderbar unaufgeregten Abend. 


Es sind die kleinen Dinge , die uns glücklich machen. 

15. Etappe von Cee nach Finisterre 

Heute bin ich nach einem wenig spektakulären Hotelfrühstück schon vor neun Uhr unterwegs. Noch ist es etwas neblig, doch es deutet sich schon an, dass es ein schöner Tag werden wird. Mein Tag – Ankunft bei 0,0. ich kann es noch immer nicht wirklich fassen. 


Wie beim Universum bestellt, laufe ich heute allein, wenige Pilger sind unterwegs. Vor mir läuft ein Pilger , den ich mit einem lauten Hello zurückrufe , als er den Pfeil an einer Abbiegung übersieht. Wir strahlen uns fröhlich an und er geht weiter. Ein ums andere mal bei jedem Fotostopp überholt der eine den anderen, bis wir doch ein Stück gemeinsam laufen. Er kommt aus Italien und spricht nur Italienisch und Spanisch. Ich hingegen spreche nur deutsch und englisch. Wir müssen lachen über die fehlende Kommunikationsbasis und bald entschuldigt er sich auch , da sein Tempo deutlich schneller ist als das meinige. Zwei Minuten später rufe ich ihn wieder zurück – Pfeil übersehen… Es ist schön zu wissen , dass ich nicht allein auf dem Weg bin und trotzdem meinen Gedanken nachhängen kann. 


Der Weg heute verläuft Kreuz und quer , hoch und wieder runter. Ein System ist nicht wirklich erkennbar. Es ist ein bisschen wie das Leben geht es mir durch den Kopf – von allem etwas, aber immer im Vorwärtsgang. 


Es gibt wenig Einkehrmöglichkeiten und die Strecke ist mit 17 Kilometern heute nicht wirklich lang, so dass ich beschließe, ohne Pause durchzulaufen. 

Der Ausblick immer wieder aufs Meer ist atemberaubend und findet seinen Höhepunkt in einem ganz geraden Weg, der direkt auf den Atlantik zuzulaufen scheint. 


Es ist wie eine Zielgerade, doch dann schlägt schlagartig mein Hochgefühl in Angst um. Ich stehe vor einem sehr gerölligen Hohlweg, der steil bergab geht. Ich überlege kurz die Alternativen , die es nicht gibt und erinnere mich an meine Weggefährten. An Terry , die mir gezeigt hat , wie ich am besten die Stöcke aufsetze , an Gon , die mir zuruft „run,Yvonne , run“ und an Colette, die mir den Zickzackschritt beigebracht hat. Ich erinnere mich auch an meine Kraft und steige langsam aber stetig den Berg hinab 

Danach geht alles recht schnell. Ich erreiche den Sandstrand von Finisterre. Herrlich ist es hier , fast wie in der Karibik. 


Ich stelle meine Füße zum Fotoshooting auf und ….


… stelle fest, dass Goretex nicht unbedingt wasserdicht ist. 

Tausende von Jakobsmuscheln liegen hier am Strand und scheinen mir den Weg zu weisen. 


Kurze Zeit später kommen mir Nadja und Jessica entgegen. Es ist schön , bekannte Gesichter zu sehen. So wie ich mit den beiden Schwestern den Weg in Porto begonnen habe, werde ich ihn hier in Finisterre mit Ihnen beenden 

Doch noch habe ich ein Ziel und ohne meinen Rucksack in der Pension abzulegen , gehe ich weiter den Weg am Meer entlang , durchquere den kleinen Ort Finisterre und steige dann noch etwas über zwei Kilometer an der Straße entlang bergauf. Wieso müssen Leuchttürme denn immer auf einem Berg stehen …

Oben angekommen kennt meine Enttäuschung keine Grenzen , Massen an Autos und drei Reisebusse stehen auf dem Parkplatz. Und so stehe ich mit einer Menschentraube am Ziel meines Traumes – dem Kilometerstein 0,0 – und weiß nicht wohin mit meinen Emotionen. 

Ich halte stark an mich, um nicht aggressiv gegenüber denen zu werden, die sich jetzt , ohne einen Kilometer gelaufen zu sein, gegenseitig an dem Stein fotografieren. Ich bekomme auch mein Foto und sehe betreten in die Luft  


Und so laufe ich weiter den Klippen entgegen. Auf einer Treppe spielt ein Musiker Gitarre und begrüßt mich am Ende der Welt. Seine positive Ausstrahlung versöhnt mich wieder etwas. 


Ich klettere zu der Stelle, an der traditionell die Pilger etwas verbrennen , was sie auf dem Weg dabei hatten – Ende und Neubeginn …

Ich habe nichts zum verbrennen dabei. Stattdessen lege ich einen kleinen hellen Stein ab, den ich in Portugal in die Tasche gesteckt habe, als Symbol für meinen Weg. 


Kurze Zeit später lerne ich Rainer aus Karlsruhe kennen , der hier heute seinen camino Français beendet. Über fünf Wochen war er unterwegs. Wir tauschen uns über den Massenandrang am Kilometerstein aus Sein Ansatz, er hat fünf Wochen nicht geflucht und wird es jetzt wegen der Touristen auch nicht tun , erdet mich wieder etwas. 

Wir haben uns schon verabschiedet , als ich sehe, dass es am Stein nun völlig leer ist. Ich rufe ihn zurück , wir werfen unsere Rucksäcke übereinander und fotografieren uns gegenseitig. 


Dann laufen wir gemeinsam auf der Straße zurück, sind keine Pilger mehr , nur noch Wanderer und tauschen unsere Erfahrungen aus. Bis mir plötzlich ein so vertrautes Gesicht entgegenkommt. Ich kann es nicht fassen , Miguel aus Peru Wir fallen uns in die Arme und er sagt diesen so schönen Satz „ich sehe das Glück in deinen Augen „. Ich kann gar nicht aufhören zu strahlen. 


Rainer sagt das einzig richtige, auf das ich in diesem Moment nie gekommen wäre , warum trinken wir nicht heute Abend zusammen Rotwein. Ja warum eigentlich nicht ? Miguel lässt sich meinen Facebook Namen geben und will mir später schreiben, wo wir uns treffen. Er ist seit gestern mit Jim, der ähnlich alt ist wie er und aus Boston kommt , unterwegs. Wie sich herausstellt , sind alle in der gleichen Herberge untergekommen. Was für ein verrückter Zufall. Nein – natürlich kein Zufall … 

Im Ort verabschiede ich mich von Rainer und halte Ausschau nach Norbert und Egon , die heute Nachmittag noch mit dem Bus nach Santiago fahren. Wie soll es anders sein, schon kommen sie mir mit ausgebreiteten Armen entgegen , die beiden Esel auf dem Jakobsweg , wie sie sich selbst liebevoll nennen. 


Wir tauschen uns aus, wie es uns seit Santiago ergangen ist, die beiden geben mir Tipps für Finisterre , denn sie sind schon seit gestern hier. Gemeinsam trinken wir noch ein , zwei Rotwein auf unseren Camino portugues und schon ist es Zeit zum Abschied nehmen. Das ist ja immer noch so gar nichts für mich.    

Ich beziehe mein Zimmer in der Pension. Der Blick aus dem Fenster ist einzigartig 


Trotzdem hält es mich nicht lange und ich steh wieder auf der Straße, laufe zum Hafen und suche mir einen schönen Platz. 


Es ist ein komisches Gefühl zu wissen, dass ich ab jetzt keinen gelben Pfeil mehr folgen werde, dass das Ziel erreicht ist und der Alltag zum greifen nah. Nadja hat gesagt , sie könnte weiterlaufen, immer weiter und ich verstehe genau, was sie meint. 

Das klappern der Stöcke auf dem Weg, die klare Luft , die wechselnden Landschaften, der Austausch mit den Menschen, das laufen zu einem konkreten Ziel – all das wird mir fehlen. Ich weiß nicht , ob ich noch der gleiche Mensch bin wie zuvor. Der Alltag wird es zeigen …

Gut, dass bald darauf die Nachricht von Miguel eintrifft. Gemeinsam mit Jim und Rainer gehen wir leckeren Fisch essen. Miguel , der bis vor 3 Jahren in Boston noch als Lehrer gearbeitet hat , teilt sein Leben jetzt in zwei Hälften – ein halbes Jahr in Lima, Peru und ein halbes Jahr in Boston. Als ich erzähle, dass ich im Oktober in Boston sein werde, bietet er mir spontan an, mich bei ihm zu melden. Es ist großartig. 

Kurz vor 22 Uhr verabschieden wir uns , denn Rainer und ich wollen uns den Sonnenuntergang ansehen , von dem es heißt , er sei spektakulär. Gerade rechtzeitig erreichen wir die kleine Bucht und sehen die Sonne im Meer verschwinden. Der Himmel ist in herrliche Farben getaucht und es sieht so aus, als ob ein Engel im Anflug ist. 


Schweigend gehen wir zurück in den Ort und verabschieden uns . Rainer nimmt morgen den Bus nach Santiago 

Spät komme ich in mein Zimmer zurück und habe den Satz vor Augen , den ich heute an einem Hostel gesehen habe …