Ich bin umgezogen …

zumindest virtuell: 

Diejenigen von euch, die mich schon länger kennen, wissen, dass ich bereits seit mehr als drei Jahren allein auf Reisen bin und diese in Tagebüchern in verschiedenen Blogs festgehalten habe.

Für mich sind die Blogposts das Ergebnis einer perfekten Kombination : meiner Liebe zum Reisen, Schreiben und Fotografieren. So war es nur absolut naheliegend, den nächsten Schritt zu gehen.  Daher bin ich heute nun sehr stolz darauf, euch meine erste eigene Website präsentieren zu können: 

http://yvonnes-reiseblog.de

Hier findet ihr die Tagebücher der vergangenen Reisen. Lasst euch inspirieren von der Energie, die New York mir gegeben hat, von der Schönheit der Landschaft auf Maui und Kauai, von den bunten Farben Thailands und der Faszination des Pilgerwegs von Porto nach Santiago de Compostela, der mein Leben gerade sehr nachhaltig verändert. 

Aber auch neues ist schon geplant. Natürlich zunächst die Fortsetzung von „Der Pilgerweg beginnt vor deiner Haustür „. In vier weiteren Etappen wollen meine Schwester und ich noch im September Erfurt erreichen. Darauf freuen wir uns schon sehr.

Außerdem plane ich im Oktober eine neue Reise „Indian Summer – Ein Roadtrip durch Neuengland „, an der ich euch gern teilhaben lassen möchte. 

Am einfachsten ist es, wenn ihr euch für ein Abonnement anmeldet. 

Abonnement

Dann erhaltet ihr immer eine Email, sobald ein neuer Blogpost von mir online ist. Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn ihr mir auf meinen Reisen folgt: Allein – aber nicht einsam 

Bis bald auf :

2. Etappe von Kleinliebenau nach Frankleben 

24. Juli 2016

Strahlender Sonnenschein begleitet uns auch heute. Wir starten 9 Uhr an der Kirche in Kleinliebenau und haben schon morgens eine leichte Ahnung davon, wie hochsommerlich heiß dieser Tag werden wird. Schnell ein Selfie zum Start und los geht es.

Ganz allein sind wir auf der Landstraße Richtung Dölkau, nur ein paar Landmaschinen überholen uns von Zeit zu Zeit. Die erste Stunde vergeht wie im Flug – Gedanken der ersten Etappe werden aufgegriffen und weiterentwickelt, der Gesprächsstoff geht uns nicht aus und so lassen wir Horburg unbemerkt rechts (oder vielleicht auch links?) liegen und nehmen erst in Dölkau unsere Umgebung wieder so richtig wahr. 

Doch das lohnt sich hier : wir stehen vor dem sich in Privatbesitz befindlichen Schloss Dölkau, ein wunderschönes klassizistisches Gebäude, das Graf Karl Ludwig August von Hohenthal zwischen 1804 bis 1806 mit großer Wahrscheinlichkeit von dem damals bedeutendsten Leipziger Architekten Johann Friedrich Dauthe entwerfen und bauen ließ. Sechsmal jährlich finden hier am Sonntag Nachmittag klassische Konzerte statt, die ich selbst schon genießen konnte und für die ich meine Schwester schnell begeistern kann.

Wir wandern weiter nach Zweimen und bewundern an einer Hausmauer ein Bild eines Pilgers mit Esel.


 Zumindest kleiderordnungstechnisch haben wir ihm einiges voraus mit unseren luftigen Shirts und den dünnen Wanderhosen. Und das ist auch gut so, die Sonne brennt erbarmungslos vom Himmel und Schatten ist weit und breit nicht in Sicht.

Über eine frisch sanierte Brücke überqueren wir die Luppe und wandern nun über Wiesen und durch Wälder und folgen sicher den immer wieder auftauchendem Muschelzeichen.

Vorbei am Raßnitzer See erreichen wir den Wallendorfer See – Zeit für eine Müsliriegelpause. Beide Seen sind aus Tagebaurestlöchern entstanden und wurden von 1998 bis 2000 geflutet. Doch im Gegensatz zu den Seen südlich von Leipzig ist es hier am Strand noch sehr ruhig. So genießen wir unter einem Baum die schattige Pause, bevor es entlang der B 181 nach Merseburg geht.


Die Strecke ist nicht wirklich schön und zieht sich wie Kaugummi. Wir sprechen es nicht laut aus, wie nervtötend wir beide dieses Teilstück finden. Doch sind wir beide mehr als erleichtert, als wir in einem kleinen Stadtpark abbiegend einen ersten Blick auf den Merseburger Dom erhaschen.


Und der ist eindrucksvoll. Wir erreichen das wunderschöne Ensemble von Schloss und Dom und atmen in der Kühle des Eingangsbereichs auf. Der Merseburger Dom zählt zu den herausragenden Baudenkmälern der „Straße der Romanik“ und ein weiteres mal sind wir überrascht, welche Schätze wir in unserer Umgebung noch nicht kennen. Die berühmten Merseburger Zaubersprüche und der Domschatz sind im Rahmen einer Ausstellung zu besichtigen und so verstehen wir auch die 6,50 Euro, die hier an Eintritt in den Dom zu zahlen sind. Das gilt allerdings nicht für uns, denn wir sind Pilger und bekommen einen Stempel in unseren Credential, freien Eintritt und eine kurze Erläuterung zum Dom. Nach der Besichtigung zünden wir Kerzen an für all die Lieben, denen wir gedenken 


und schauen danach im Schloßpark beim Merserburger Raben vorbei. Der Legende nach trug es sich im 15. Jahrhundert zu, dass der Bischof Thilo von Trotha seinen Siegelring vermisste, daraufhin seinen Diener des Diebstahls bezichtigte und diesen hinrichten ließ. Doch wenige Jahre später fand man bei Dachausbesserungsarbeiten den Siegelring in einem Rabennest. Erschrocken über sein vorschnelles Urteil ließ der Bischof einen Vogelkäfig bauen und seitdem büßen Generationen von Raben für das Vergehen ihres Urahns.

Heute allerdings in einer großen Voliere, die mehr Bewegungsraum zulässt und nun auch als Raben-Duo.

Auf der Aussichtsterasse des angrenzenden Café Ben zi bena stärken wir uns bei Kaffee und Kuchen für die noch vor uns liegenden Kilometer und wandern guten Mutes weiter – das Ende der Etappe scheint nah.

Durch den Stadtpark hindurch führt uns der Weg zu einer Brücke über den Gotthardteich und läßt uns stoppen. „Wegen Baufälligkeit gesperrt“ informiert uns ein Warnschild. Kurz beraten wir uns und … überklettern den Bauzaun, vorsichtig bewegen wir uns über die Bohlen der Brücke, ganz geheuer ist es uns dann noch nicht und so gibt es nur schnell ein Selfie von uns beiden und wir verlassen umgehend den Ort des Geschehens.

Wunderschön ist nun der Weg am Ufer des Geiselbaches. Wir setzen unsere Wanderung durch die „grüne Lunge“ Merseburgs fort und bewundern die Tiere in dem kleinen Tierpark, den wir durchstreifen. 

Dem Wanderführer folgend durchqueren wir einsames Marschland, laufen an einem Technikmuseum vorbei und … haben uns verlaufen. Irgendwo unterwegs ist uns der Muschelwegweiser abhanden gekommen und mein GPS zeigt an, dass wir uns nicht unerheblich vom Weg entfernt haben. Nun ist guter Rat teuer. Wir sind erschöpft, unsere Wasservorräte gehen dem Ende entgegen, es ist spät und wir wollen eigentlich nur noch ankommen. Doch ehrgeizig sind wir beide, entscheiden gemeinsam, nicht einfach nur der Hauptstraße zu unserem Ziel zu folgen, sondern den Anschluss an den Jakobsweg zu finden. Das gelingt uns auch und lachend nehmen wir zur Kenntnis, dass der mit Betonplatten versiegelte Wirtschaftsweg parallel zur Hauptstraße verläuft. Aber: nur hier gibt es die Muschelsymbole.

Wir klatschen uns fröhlich ab, als wir das Ortseingangsschild Frankleben erreichen und freuen uns, schon die Dorfkirche entdeckt zu haben. Wunderschön ist sie mit ihrem verputzten Bruchsteinbau. Doch dann wird unsere Ankunftsfreude jäh zerstört : die Dorfkirche St. Martini steht in der kleinen Ortschaft Reipisch, die zur Gemeinde Frankleben gehört …

Noch immer ist also kein Ende unserer schweißtreibenden Wanderung in Sicht, endlos lang kommt uns der Feldweg vor, dem wir nun folgen. Im nächsten Ort angekommen fragen wir vorsichtshalber Passanten, ob wir nun auch wirklich in Frankleben sind und wo sich denn hier die Kirche befindet. Doch nun ist alles richtig und glücklich erreichen wir heute nach 30 Kilometern, 7 Wanderstunden und 34 Grad im Schatten unser Etappenziel – erschöpft, aber glücklich und schon in Vorfreude auf die nächste, die hier am Geiseltalsee beginnen wird …

Der Pilgerweg beginnt vor deiner Haustür 

Mehr als vier Wochen sind bereits vergangen, seitdem ich von meiner Pilgerreise von Porto nach Santiago de Compostela zurückgekehrt bin. Viel zu schnell hat mich der Alltag wieder gefangen genommen, doch die tiefe innere Ruhe und die Kraft, die mir der Weg gegeben hat, ist geblieben. Rückblickend war es genau die richtige Zeit, mich auf diesen Weg und damit verbunden in mein Innerstes „Ich“ zu begeben.

Die Tage jetzt sind von Veränderung geprägt und es ist ein gutes Gefühl, zu wissen, dass man dem Leben vertrauen kann und seine Ziele erreicht, wenn man es wirklich will.

Süchtig gemacht hat mich dieser Weg, das war schon klar, bevor ich überhaupt angekommen war. Damit befinde ich mich in guter Gesellschaft mit all den Pilgern, denen ich auf dem Weg begegnet bin, die schon mehrfach unterwegs waren oder es wieder tun werden. Es gibt so viele verschiedene Wege, sich Santiago zu nähern. Der einfachste Weg ist, vor der eigenen Haustür zu beginnen.

Bei meiner Recherche wurde ich sehr schnell fündig. Die mittelalterliche Via Regia durchzog einst den gesamten mitteldeutschen Raum. Als wichtigste europäische Fernstraße führte sie auch durch Leipzig, einen der bedeutendsten Messeplätze dieser Zeit. Aufzeichnungen belegen Pilgerreisen von hier nach Santiago de Compostela. Dem ökumenischen Pilgerweg e.V. ist es zu verdanken, dass der rund 450 Kilometer lange Teil der Via Regia von Görlitz bis nach Vacha an der thüringische-hessischen Grenze wiederbelebt wurde und heute als Ökumenischer Pilgerweg ausgewiesen ist.

Von der Haustür an also – ein schöner Gedanke, den ich diesmal gern teilen möchte.

Denn klar ist, dass die 2454 Kilometer von Leipzig bis nach Santiago nur in Etappen zurückzulegen sind.


Und so teilte ich zunächst die Strecke von Leipzig nach Erfurt über 130 Kilometer in Sonntags-Tagesetappen auf und überraschte meine Schwester mit einem Pilgerausweis und dem liebevoll gestalteten Pilgerführer des ökumenischen Pilgerweg e.V.

Es war total schön zu sehen, wie sehr sie sich über diese Idee freute. Die Termine standen fest. Die Reise nach Santiago konnte beginnen.

1 Etappe von Leipzig nach Kleinliebenau – 10. Juli 2016

Zeitig am Morgen – die Sonne gibt uns schon einen kleinen Vorgeschmack auf den heißen Tag, der vor uns liegt – beginnt unsere Wanderung an der Nikolaikirche in Leipzigs Innenstadt.


Da kurze Zeit später der Sonntagsgottesdienst stattfinden wird, haben wir das große Glück in der Kirche den Küster anzutreffen, der uns in unsere noch schneeweißen Pilgerpässe den ersten Stempel drückt. Überrascht sind wir dann aber schon, dass nach Aussage des Küsters tatsächlich täglich Pilger die Kirche besuchen. Der Pilgerweg beginnt vor der Haustür – gelebte Praxis.

Weiter geht es zur Thomaskirche und man könnte fast vermuten, die wohlklingenden Kirchenglocken läuten, um uns gut auf den Weg zu bringen.

Die Innenstadt ist schnell verlassen. Im Rosenthalpark entdecken wir das erstmal die gelbe Muschel, die uns den Weg weist und uns von nun an stetig begleiten wird.


Ein bisschen unsicher an einer Abzweigung befragen wir einen Radfahrer nach der Richtung zur Domholzschänke, unserem Ziel für die Mittagsrast.

Deutlich überrascht weist er uns den Weg, nicht ohne zu erwähnen, dass diese doch recht weit entfernt sei. Lachend bestätigen wir ihm, dass wir die Entfernung kennen und nicht ohne ein wenig Stolz zeige ich ihm unseren Pilgerführer.


Fast allein sind wir an diesem heißen Sonntagvormittag auf dem Luppedamm. Vereinzelt überholen uns Radfahrer. Auf der anderen Flusseite blöken Schafe im Chor. Idyllisch ist es hier und kaum zu glauben, wie nah wir trotzdem noch der Grosstadt sind.


Die Gesprächsthemen gehen uns nicht aus. Viele Themen bewegen uns und wir stellen einmal mehr fest, dass mit dem Gehen auch die Gedanken in Gang kommen. Pläne werden geschmiedet, Entscheidungen abgewogen und meine Zuversicht wächst, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben.

Wir genießen die Landschaft, die Ruhe und den Weg – kommen gut voran und erreichen zur Mittagszeit die Domholzschänke. Das bereits 1928 eröffnete traditionelle Ausflugslokal ist idyllisch mitten im Wald gelegen und gut besucht. Wir suchen uns ein schattiges Plätzchen, genießen ein kühles Getränk, stärken uns mit Pilzrührei und verlassen das Gasthaus mit dem nun schon zweiten Stempel in unserem Pilgerausweis.

Überrascht stellen wir fest, dass uns nur noch gut 2 Kilometer von unserem Tagesziel trennen. Viel zu schnell sind wir in Kleinliebenau angekommen.

An der Rittergutskirche werden wir herzlich begrüßt. Der Kultur- und Pilgerverein Kleinliebenau e.V. richtet heute hier ein Jazzkonzert aus.
Sofort kommen wir mit der Organisatorin ins Gespräch, die uns im Inneren der kleinen barocken Kirche die Geschichte dazu erzählt. Ursprünglich zum Rittergut Kleinliebenau gehörend, gelangte die Kirche mit der Bodenreform in kommunales Eigentum und war lange Jahre geschlossen. Im Jahre 2005 kaufte der Leipziger Religionslehrer Henrik Mroska die Kirche für einen symbolischen Euro und übernahm die Verpflichtung, diese denkmalgerecht zu sanieren. Im gleichen Jahr wurde der Kultur – und Pilgerverein Kleinliebenau gegründet , Stück für Stück wird dieses Kleinod nun restauriert und es kehrte wieder kulturelles und gottesdienstliches Leben ein. Da die Kirche am Ökumenischen Pilgerweg liegt, wurde dazu eine kleine Pilgerherberge eingerichtet.

Froh ist die Pilgermutter trotzdem, dass wir nicht übernachten wollen, denn für heute hat sich eine Gruppe von 16 Pilgern angemeldet, die im Kircheninnenraum übernachten werden. Auf unsere Frage, wie oft denn Kleinliebenau von Pilgern besucht wird, holt sie stolz das Gästebuch hervor . Liebevolle Einträge von Pilgern aus allen deutschen Himmelsrichtungen und sogar von Holländern sind darin nachzulesen.

Schnell noch ein Foto von uns beiden vor der hübschen Kirche, den dritten Stempel in die Pilgerpässe und schon kommen die Musiker, die ihren Auftritt vorbereiten wollen und wir verabschieden uns herzlich.

Kurze Zeit später werden wir mit dem Auto abgeholt, denn der öffentliche Nahverkehr ist hier leider nicht so ausgeprägt. Verschwitzt aber glücklich kommen wir zu Hause an und freuen uns schon auf die nächste Etappe in zwei Wochen.

Santiago – wir sind auf dem Weg zu dir.

Mein Camino

Auf den Steinen vor der Kathedrale Portos sitzend, erinnere ich mich an die hinter mir liegenden Tage – fühle Glück und Trauer, Stolz und Demut. Die Sonne scheint mir ins Gesicht und ich denke darüber nach , was der Camino für mich bedeutet. 

Am 16 Mai 2016 setzte ich den ersten Schritt auf den Weg nach Santiago de Compostela und fühlte vom ersten gelben Pfeil an der Kathedrale in Porto die Mystik dieses Weges. 


Es sind vor allem die Begegnungen mit den Menschen, der ihn so einzigartig macht. Der intensive Austausch der Pilger aus den verschiedensten Ländern dieser Welt und der damit verbundene Frieden ist hier so leicht. Alle Nationen eint ein Ziel : Santiago de Compostela. 


Es sind Seelenverwandte, die ich auf dem Weg traf. Mit denen ich über meine innersten Wünsche, meine schönsten Träume und meine größten Ängste sprach. Wir teilten miteinander Freude und Leid, Sonne und Regen und manchmal auch nur ein Tape oder ein Pflaster.  

In zwölf Tagesetappen von Porto nach Santiago de Compostela habe ich alle Facetten meiner Gefühlswelt erlebt, habe mein Lachen gelacht und meine Tränen geweint. Aber der Camino lies mich dabei nie allein und führte mich sicher vorwärts, meinem Ziel entgegen   


Der Camino gab mir Anregungen, aber nahm mir die Antworten auf meine Fragen nicht ab. Ich lernte, wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden, mich auf mich selbst zu konzentrieren und auf meine innere Stimme zu hören. 


Er brachte mich an meine körperlichen und seelischen Grenzen , aber nie darüber hinaus. Schenkte mir glückliche Momente, Vertrauen in meine eigene Kraft und Stärke. 

Ich lernte, den Regen zu lieben und genoss die Sonnenstrahlen


Trotz aller Blasen und Schmerzen lief ich jeden Tag weiter, atmete tief und frei. 

Meine Schritte bestimmten den Rhythmus, das Klappern der Wanderstöcke war meine Meditation. Die Schönheit der Landschaften meine Kathedrale. 


Ich bin ganz sicher, Camino – ich kehre zurück zu dir. 

Rückreise – Teil 2

Flughafen Frankfurt am Main – warten auf den Anschlussflug nach Leipzig. 
Die letzte Nacht im Hotel , das letzte Frühstück mit Baguette – nach zwanzig Nächten in fremden Betten (hört sich irgendwie zwielichtig an, wie ich finde ) freue ich mich jetzt doch auf mein eigenes Bett und den grünen Smoothie zum Frühstück. 
Nur den heutigen Blick mit der Tasse Kaffee in der Hand auf den Clerigo-Turm, den werde ich vermissen. 


Das letztemal den Rucksack gepackt und an der Rezeption deponiert, denn bis zum Abflug sind noch ein paar Stunden Zeit. 

Es zieht mich zur Kathedrale, in der ich meinen ersten Stempel in den Credencial erhielt und an die Stelle , an der ich die erste Markierung Richtung Santiago fand. 

Ich denke an all meine tollen Wegbegleiter , an Kopfsteinpflaster in Portugal, an wunderschöne Landschaften, an den tiefschwarzen Tag auf dem Weg nach Tui, an meinen Flow-Regentag, an das Glücksgefühl , auf dem Weg nach Finisterre das erstemal wieder das Meer am Horizont zu sehen. Ich kann all die vielen Emotionen gar nicht aufzählen, die mich auf dem Camino bewegt haben. 

Nicht alle Fragen, die ich mit auf den Weg genommen habe , konnte ich beantworten Erste Impulse sind gesetzt. Jetzt liegt es an mir, sie umzusetzen. 

In meine Gedanken an der Kathedrale mischt sich immer wieder das Gelächter eines Pfälzer Herrenausfluges. Erst stören sie mich, aber dann finde ich es doch ganz gut , nicht allzu sehr in die tiefsinnigsten Grübeleien abzutauchen. Der Camino war und ist vor allem Leben. 

Ein Franzose spricht mich an. Er hat die Muschel an meiner Halskette gesehen und will wissen, ob ich den camino gelaufen bin. Stolz bejahe ich es und geh lächelnd in die Stadt zurück. 

Porto ist einfach wirklich nur schön – bunt, offen , trubelig. 


Die Metrostation zum Flughafen liegt etwas entfernt, meine letzte kleine Wanderung. Die U Bahn fährt in dem Moment in den Bahnhof ein, als ich den Bahnsteig betrete. Langsam wird mir das unheimlich. 

Das Flugzeug aus Porto landet pünktlich in Frankfurt. Noch Zeit für einen letzten Wein und ein paar Gedanken, bevor ich zu Hause ankomme … 

Rückreise – Teil 1

Der Morgen dämmert noch , als ich heute aufstehe. 


Der Bus nach Santiago startet früh. Daher ist an Frühstück nicht zu denken. Ein paar Nüsse und ein Wasser später auf der Fahrt müssen es richten. Die Traube an Menschen wird immer größer und irgendwann ist klar , dass wir nicht alle in den Bus passen werden. Als dieser dann an der Station hält,setzt ein drängeln und schieben ein, als ginge es um das eigene Leben. , obwohl auch schnell klar wird  dass der Busfahrer bereits einen zweiten Bus geordet hat. Den großen Vorteil , den wir genießen, ist allerdings , dass wir ohne weiteren Halt nach Santiago fahren

Schneller als gedacht erreichen wir unser Ziel. Dort angekommen stürzen sich alle auf die Rucksäcke im Gepäckraum , als gäbe es kein Morgen mehr. Es sind fast alles Pilger und ich frage mich, wo ist die innere Ruhe geblieben. 

Auf dem Busbahnhof sehe ich von weitem Miguel, der sehr fokussiert scheint. Ich spreche ihn nicht an, unsere gemeinsame Zeit ist  vorbei. Vielleicht sehen wir uns in Boston wieder. 

Mir bleiben zwei Stunden bis zur Weiterfahrt nach Porto. Ich entscheide mich , die Zeit zu nutzen , um noch einmal in die Altstadt zur Kathedrale zu laufen. Es ist noch früh, die Sonne scheint, aber es ist kalt. Noch wenige Menschen sind auf den Straßen unterwegs. Auf dem Platz vor der Kathedrale gratuliert mir ein Mann zur Ankunft in Santiago. Ich widerspreche ihm nicht. 

Zielgerichtet gehe ich zu dem kleinen Café , in dem ich bereits einmal gefrühstückt habe, bestelle Kaffee und Churros. Gedankenverloren schaue ich aus dem Fenster und bin sicher , dass nun die „nächste “ Generation an Pilgern in der Stadt ist , von denen ich keinen mehr kennen werde. Doch schon lächelt mich von draußen ein bekanntes Gesicht an. Sabine , die mit dem Spanier Manuel auf dem Camino unterwegs war , verbringt ihre letzten Stunden vor Abflug noch hier. Manuel und sie waren auch in Finisterre und in Murxia und haben sich heute getrennt. Es ist schön, noch einmal ein bekanntes Gesicht zu sehen. Doch bald schon ist es Zeit für mich , zum Bus zu gehen und wir verabschieden uns. 

Ich laufe noch einmal über den Platz vor der Kathedrale. Die ersten Pilger sind angekommen , ich sehe das Glück und die Erschöpfung in ihren Augen und bin ganz bei ihnen. 


Pünktlich startet der Bus nach Porto. 

Es ist ein eigenartiges Gefühl so zwischen den Welten, eben noch Pilger – nun auf dem Weg zurück in den Alltag. Einen Teil der Orte, die ich durchwandert bin, streift auch der Bus. Ich bin schon ein wenig erstaunt, was ich tatsächlich an Kilometern gelaufen bin – die Strecke entspricht ungefähr der Entfernung zwischen Leipzig und Rostock. 

Nach gut vier Stunden erreichen wir Porto. Der Busbahnhof liegt etwas außerhalb des Zentrums. Ich beschließe, den Weg zu Fuß zu gehen. Knapp 4 Kilometer hören sich nach nichts an. In den nächsten Tagen werde ich hier wieder eine Relation finden müssen. 

Bald erreiche ich den Teil Portos, den ich schon kenne und fühle mich fast ein wenig heimisch. Im Hotel werde ich mit einem Glas Portwein begrüßt. Das ist sehr aufmerksam, doch ich habe außer den Churros zum Frühstück noch nichts gegessen und sollte eher vorsichtig sein. 

Lange hält es mich auch heute nicht im Zimmer und so spaziere ich los. Die Highlights habe ich schon zu Beginn meiner Reise absolviert und so kann ich mich treiben lassen. Natürlich lande ich wieder am Ufer des Flusses Duoro , höre den Straßenmusikern zu und trinke ein Glas Vino Verdhe auf das Leben.  



Mir ist eigenartig zumute , glücklich und stolz , traurig und leer. Von allen eine bunte Mischung und wohl auch ein wenig erschöpft. 

Einen weiten Bogen schlagend streife ich noch einmal die bekannten Orte und beschließe dann , zum Abendessen zu gehen. Von der Managerin des Studios von meinem ersten Aufenthalt habe ich noch eine Visitenkarte eines empfohlenen Restaurants in der Tasche. Das ist nah an meinem Hotel und ich mache mich auf den Weg. Und dann schlägt der Kreislauf hammerhart zu. Wenig gegessen und darauf den Wein, merke ich, wie mir schwindlig wird. Ich überlege kurz, was auf meinem Nothilfepass steht und ob die, die mich auf der Straße finden , mich ins Hotel bringen. Soweit kommt es Gottseidank nicht. Ich erreiche das Restaurant , bestelle erstmal Wasser und hoffe, dass schnell der Brotkorb serviert wird. Wird er auch und ich erhole mich bald darauf 

Der Kellner fragt nach dem camino und ich frage mich, wie fertig ich aussehen muss, wenn man mir das schon so ansieht. Immerhin sitze ich hier in offenen Schuhen , ach und ja natürlich in meinem camino de santiago Sweatshirt. Der Kellner gratuliert mir zu meiner Leistung und ich weiß gar nicht so recht wozu eigentlich  

 Das Essen ist gut,  am Nachbartisch sitzt ein australisches Ehepaar und wir kommen schnell ins Gespräch. Das funktioniert also auch ohne Camino.  

Ich spaziere den kurzen Weg zu meinem Hotel zurück , höre noch eine weile dem Straßenmusiker vor dem Eingang zu, bevor ich im Hotel verschwinde. 

Hier gibt es eine wunderbare Dachterasse mit Blick auf die Kathedrale. Ich hol mir eine Decke und einen Wein und schau zu dem Ort , wo alles begann … 

Finisterre – der perfekte Ruhetag 

Ein wunderbarer Sonnenaufgang weckt mich früh. 


Eigentlich viel zu früh, denn heute ist mein Ruhetag. So trödle ich lange und gehe gegen neun Uhr zum Frühstück. 

Kurze Zeit später kommen Jessica und Nadja dazu. Wir tauschen uns aus über die Erfahrungen auf dem Camino, die sich in vielen Details gleichen und wir sind uns einig , es war trotz aller Blasen und Schmerzen großartig. 

Viel später verlasse ich das Hotel auf der Suche nach dem perfekten Platz, um meinen gestrigen Bericht zu schreiben und finde ihn auf einer Mauer mit Blick auf das Meer. Lange sitze ich dort , schreibe , schaue , genieße und entspanne. 


Nichts tun macht hungrig und so setze ich mich in ein Café , esse eine Kleinigkeit und schaue mir die neu angekommenen Pilger an. 

In meinen offenen Schuhen , ohne Rucksack und Wanderstöcke bin ich heute nur noch eine Spaziergängerin und genieße das von ganzem Herzen. Ich lasse mich treiben und finde mich auf dem Weg zum Leuchtturm wieder. Die Sonne scheint mit voller Kraft und auf halben Weg bereue ich fast , nicht an den Strand gegangen zu sein. Doch jeder Moment entschädigt mich mit immer wieder neuen Ausblicken auf den Atlantik 


Am Leuchtturm angekommen, ist der Parkplatz komplett leer. Ich kann es kaum fassen , der Kilometerstein 0,0 gehört nur mit und ich genieße den Augenblick. 


Als wenig später der erste Bus angefahren kommt, finde ich das schon wieder amüsant. So schnell ändert sich das mit den Emotionen

Ich schlendre am Andenkengeschäft vorbei , kaufe mir eine Ansichtskarte. Verweile am Kreuz des Nordens während dort eine Pilgergruppe gemeinsam singt und spaziere wieder zurück in den Ort. 


Bei einem Kaffee checke ich meine Nachrichten und freu mich total. Laurie, die Reisebloggerin aus San Francisco hat mein Foto in den Posts von Miguel gesehen und direkt Kontakt mit mir aufgenommen. Sie fragt nach meinem Blog und gemeinsam überlegen wir , wie wir sinnvoll den deutschen Blog mit ihrer englischsprachigen Website verlinken. Eine Idee könnte sein, meinen post über unsere Bekanntschaft nach Caldas de Reis ins englische zu übersetzen – eine Herausforderung, aber lösbar. 

Am späten nachmittag ist in Finisterre immer Fischauktion. In der großen Halle gibt es eine Galerie , auf der sich Interessierte den Handel anschauen können. Das ist total spannend und der ausliegende Fisch zeigt, dass es wohl in den Restaurants im Ort allerfrischeste Ware gibt. 


So ein Bummeltag ist herrlich. Ich kaufe mir im Geschäft an der Ecke Wein , Brot und Chorizo und gehe in mein Hotel. 

Der Bus morgen fährt zeitig, so ist es ein kluger Plan , schon mal ein bisschen zu packen. Ich sortiere meine „Erinnerungstüte“ und freu mich , dass ich den Stadtplan von Porto noch behalten habe. Morgen werde ich ihn brauchen. 


Mit Wein und dick belegtem Brot kuschle ich mich in mein Bett, genieße die Aussicht, schreibe Nachrichten, schau  mir die Websites von Laurie und Elena an und genieße den wunderbar unaufgeregten Abend. 


Es sind die kleinen Dinge , die uns glücklich machen.